Schüleraustausch
Ein halbes Jahr in Minnesota
Seit fast einem halben Jahr lebt Austauschschülerin Fiona Kaiser in Worthington, Minnesota, und längst fühlt sich der Ort wie ein zweites Zuhause an. In ihrem Brief erzählt sie von besonderen Schulmomenten, gemeinsamen Erlebnissen mit ihrer Gastfamilie und ihren Freunden sowie von typisch amerikanischen Traditionen rund um den Herbst, Thanksgiving und Weihnachten.
Hallo Crailsheim,
mittlerweile bin ich schon fast ein halbes Jahr in Worthington, Minnesota, und ich kann selbst kaum glauben, wie viel ich hier schon erlebt habe. Die Zeit vergeht unglaublich schnell, und jeden Tag gibt es Neues zu entdecken. Worthington fühlt sich inzwischen nicht mehr fremd an, sondern immer mehr wie ein zweites Zuhause, und ich bin sehr dankbar für all die Erfahrungen, die ich bisher sammeln durfte.
Der Herbst begann für mich besonders schön mit dem Senior Sunrise. Früh am Morgen versammelten sich alle Seniors auf dem Football Feld, um gemeinsam den Sonnenaufgang zu beobachten. Die ruhige Atmosphäre, so wie das langsam heller werdende Licht am Himmel und die Zeit mit meinen Freunden haben diesen Moment zu etwas Besonderem gemacht. Es war eine Erfahrung, die ich in Deutschland so nie erlebt hätte, und ich habe sie sehr genossen.
Nur wenige Tage später ging es mit meiner Gastfamilie in die Mall of America. Schon beim Ankommen war ich überwältigt von der riesigen Größe des Einkaufszentrums. Besonders beeindruckt hat mich der Freizeitpark mitten in der Mall. Da ich Achterbahnen liebe, haben wir zunächst einige Fahrten ausprobiert und danach noch die gesamte Mall erkundet. Alles war so lebendig und aufregend, dass man gar nicht aufhören konnte, neue Ecken zu entdecken.
Parallel dazu liefen die Proben für das Theaterstück „James and the Giant Peach“ weiter. Ich hatte eine Rolle im Ensemble und fand es spannend zu beobachten, wie aus einzelnen Szenen nach und nach eine ganze Aufführung entsteht. Besonders schön war das Gemeinschaftsgefühl in der Theatergruppe: Wir haben uns gegenseitig unterstützt, viel gelacht und ich habe viele neue Freunde gefunden.
Auch die Marching-Band-Saison näherte sich ihrem Ende. Eine meiner liebsten Paraden war der „March to the Meridian“, bei dem wir über eine große Brücke marschiert sind. Den offiziellen Abschluss der Saison bildete jedoch das Indoor-Konzert Ende Oktober, bei dem die Seniors geehrt und neue Commanders gewählt wurden. Besonders beeindruckend war unsere Show im Dunkeln mit Knicklichtern. Ein gelungener Abschluss einer intensiven und lehrreichen Zeit.
Ende Oktober stand für mich ein großer persönlicher Wechsel an: Ich zog zu meiner neuen Gastfamilie, den Nelsons, bestehend aus Gastpapa CJ, Gastmama Kelly, die auch meine Klassenlehrerin ist, den Kindern Sutton (10) und Collins (6) sowie zwei Hunden. Ich fühlte mich sofort willkommen. Kurz nach dem Umzug haben wir gemeinsam Halloween gefeiert. Wir verkleideten uns, gingen um die Häuser und hatten einen richtig lustigen Abend.
Gleichzeitig begann auch die Basketballsaison. Anfangs war es noch anstrengend, doch mittlerweile macht es sehr viel Spaß. Ich bin Managerin des Mädchen-Basketballteam, und die Spiele sind immer spannend, die Stimmung in der Halle ist mitreißend, auch wenn wir meistens verlieren.
Ein weiteres Highlight in der Schule war das Truthahn-Bingo am letzten Schultag vor Thanksgiving. Das Spiel ist wie ein normales Bingo, hat aber eine witzige Regel: Wer gewinnt, muss wie ein Truthahn durch den Schulflur rennen und Truthahn Rufe machen . Ich hatte Glück und gewann nicht nur, sondern erhielt auch einen kleinen Preis.
Thanksgiving selbst war für mich zwar nicht ganz neu, da ich es mit meinem Verein schon einmal gefeiert habe, jedoch war es etwas ganz Neues, dies typisch amerikanisch zu erleben. Gemeinsam mit meiner Gastfamilie am Tisch zu sitzen, Dankbarkeit auszudrücken und typische Gerichte wie Truthahn, Stuffing und Green Bean Casserole zu probieren, war etwas Besonderes. Zum Nachtisch habe ich zum ersten Mal Pumpkin Pie und Pecan Pie probiert, beide haben mir richtig gut geschmeckt. Das restliche Thanksgiving haben wir dann noch mit Football schauen verbracht. Am Tag darauf haben meine Freunde und ich ein Friendsgiving veranstaltet, bei dem jeder ein Gericht aus seiner eigenen Kultur mitgebracht hat. Ich habe Spätzle mit Soße gekocht und war stolz, ein kleines Stück Heimat teilen zu können.
Vor Weihnachten haben meine Freundinnen und ich die Aufführung des Nussknackers von der örtlichen Ballettschule besucht. Es war beeindruckend, anzuschauen und zu sehen, was Tänzerinnen und Tänzer in unserem Alter auf die Bühne bringen. Auch Kinoabende standen öfter auf dem Plan: Mit meiner Gastfamilie habe ich „Wicked 2“ und „Zootopia 2“ angeschaut, mit Freunden noch einmal „Zootopia 2“ und „Anaconda“. Aber auch zu Hause haben wir Filme und Spieleabende gemacht. Solche gemeinsamen Abende machen viel Spaß und schaffen schöne Erinnerungen.
Am 22. Dezember feierten wir eine große Weihnachtsfeier bei der Familie meines Gastpapas mit Spielen, leckerem Essen, Geschenken und Football schauen bis spät in den Abend. Kurz darauf gab es auch eine kleine Feier mit dem Basketballteam: Wir haben gewichtelt, gegessen, Spiele gespielt und uns anschließend gemeinsam auf das Basketballspiel vorbereitet. Solche Momente stärken das Teamgefühl enorm.
Weihnachten selbst war geprägt von neuen Traditionen und viel Familienzeit. An Heiligabend besuchten wir die Eltern meiner Gastmutter, gingen in die Kirche und öffneten die ersten Geschenke. Am ersten Weihnachtstag freuten wir uns morgens über die gefüllten Strümpfe vom Weihnachtsmann und verbrachten den Tag entspannt zusammen. Die Pakete meiner Familie aus Deutschland kamen zwar erst etwas später, aber ich habe mich trotzdem sehr über die Karten, Geschenke und vor allem über ein kleines Stück Crailsheim gefreut.
Silvester war für mich ebenfalls ein neues Erlebnis. Wir feierten mit vielen Freunden meiner Gastfamilie, darunter auch ein paar meiner eigenen Freunde, zu Hause. Wir haben Spiele gespielt, viel gelacht, ich habe neue Traditionen kennengelernt und wir haben gemeinsam ins neue Jahr hineingefeiert, zwar etwas ungewohnt, aber dennoch richtig schön.
Mit dem neuen Jahr begann auch ein neues Schulsemester. Jetzt habe ich neue Kurse wie Food Exploration, in dem wir viel kochen, Spanish 2, Intro to Stained Glass, wo wir gerade an einem Mosaik arbeiten und bald einen Sonnenfänger aus Glas gestalten werden, sowie Biology A. Die neuen Fächer machen den Schulalltag abwechslungsreich und spannend.
Mitte Januar unternahmen meine Gastfamilie und ich einen Spaziergang über den gefrorenen Lake Okabena. Über einen zugefrorenen See zu laufen war ungewohnt und etwas gruselig, aber gleichzeitig auch wunderschön und etwas, worüber ich dankbar bin das erleben zu dürfen. Etwas früher im Januar war ich mit Freunden in Sioux Falls shoppen, um ein Kleid für den Snow-Coming-Tanz zu finden. Der Tanz selbst war eine Mischung aus elegant und locker, ähnlich wie der Homecoming Tanz im September, nur etwas kleiner und im Winter. Ich habe den Abend mit ein paar Freunden genossen. Wir haben getanzt, viel gelacht und einfach die gemeinsame Zeit gefeiert.
Zuletzt hielten Melanie Cerda, Herr Salinger und ich eine Präsentation über das Austauschprogramm vor dem Deutschklassen hier und konnten sogar Interessenten gewinnen. Es ist ein komisches Gefühl, dass bald schon die nächsten Austauschschüler ausgewählt werden, während es mir noch gar nicht so lange her vorkommt, selbst ausgewählt worden zu sein.
Allen Bewerberinnen und Bewerbern wünsche ich viel Glück!
Wenn ich auf die letzten Monate zurückblicke, bin ich sehr dankbar für all die neuen Erfahrungen, Freundschaften und besonderen Momente. Ich freue mich schon auf die kommenden Monate und bin gespannt, welche Abenteuer, Feste und Erlebnisse noch auf mich warten.
Viele liebe Grüße aus Worthington
Eure Fiona


