Jugendarbeit

Leben kehrt langsam wieder zurück

Monatelang konnte die offene sowie mobile Jugendarbeit des Jugendbüros gar nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen arbeiten. Durch das Abflauen des Infektionsgeschehens sind nun wieder mehr Freiheiten möglich. Die Folgen des Lockdowns werden erst langsam sichtbar.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendbüros stehen zusammen
Sind froh, dass die Jugendarbeit nun endlich wieder richtig starten kann: Sandra Boy (v.l.), Katharina Kalteiß, Dimitrios Dimou, Sabrina Hofmann und Katja Kliemank.

Normalerweise herrscht in den Jugendräumen auf dem Volksfestplatz reges Treiben. Während draußen Körbe versenkt werden, finden drinnen eine Billardpartie oder auch angeregte Diskussionen auf der Couch statt. Doch seit Mitte Dezember ist es weitgehend still. Seit Monaten wird die Jugendarbeit durch den Lockdown erschwert oder ist teilweise ganz verboten. Jetzt wird nicht nur in Crailsheim deutlich: der mangelnde Kontakt zu den Sozialarbeitern, aber vor allem auch untereinander, hat bei den Kindern und Jugendlichen Spuren hinterlassen.

Jugendliche übernehmen Verantwortung
„Der Druck von außen auf die Jugend ist enorm. Die Wahrnehmung vieler Menschen ist, dass gerade junge Menschen diejenigen sind, welche die Kontaktregeln brechen“, erklärt Jugendbüro-Leiterin Katharina Kalteiß. Doch die Wahrheit sei oft eine andere: „Nach aktuellen Studien sind 80 Prozent der Jugendlichen bereit, ihre Kontakte einzuschränken. Sie haben alternative Begrüßungsformeln entwickelt und übernehmen mehr Verantwortung in ihren Familien.“ So haben viele die Terminfindung für Impftermine übernommen, die oft nur via Internet zu bekommen sind. Andere fungieren als Dolmetscher, um ihren Verwandten beim Verstehen der Situation zu helfen.
Das Interesse an der Politik habe sich durch Corona weiter verstärkt. „Unpolitisch war die Jugend noch nie. Jetzt beschäftigt sie sich noch intensiver damit, stellt Fragen und hinterfragt auch mehr“, so Kalteiß. Umfragen ergaben, dass fast jeder zweite Sorge um seine Zukunft hat, da kaum Praktika möglich waren, Ausbildungsmessen nicht stattgefunden haben und die Kontakte zur Berufswelt fehlen.

Wichtige Entwicklungsschritte nicht möglich
Der Lockdown und das häufige Beisammensein in den Familien haben zusammengeschweißt. Doch wichtige Identitätsentwicklungen konnten deswegen nicht stattfinden. „Im jugendlichen Alter findet auch eine Abkapslung und der Versuch, auf den eigenen Beinen zu stehen, statt. Wichtige Erfahrungen, wie der 16. oder 18. Geburtstag, die erste Beziehung oder auch Konfliktlösungen im Klassenverbund fehlen und werden teilweise nicht mehr gesammelt“, weist Sozialarbeiterin Sabrina Hofmann auf mögliche Probleme hin. Freundeskreise sind sehr klein geworden, der Austausch mit Gleichaltrigen fehlt, was zu Überforderung führen kann.

Dies hat auch Sandra Boy gemerkt. Sie ist Schulsozialarbeiterin an der Realschule am Karlsberg und bietet derzeit vor allem Beratungsspaziergänge an. „Früher arbeitete ich problemorientiert mit den Kindern und Jugendlichen, jetzt werde ich einfach zum Reden gebraucht“, erzählt sie. Wenn nach den Pfingstferien der Präsenzunterricht wieder aufgenommen wird, gilt es, die Schüler gut ankommen zu lassen. Denn für viele ist das Schulumfeld fremd geworden. „Zuletzt waren sie nur noch für Klassenarbeiten in den Schulen, wo sie dann unter anderem durch die Selbsttests auch in ein ungewohntes Umfeld gerieten, was zusätzlichen Druck aufbaute“, so Boy. Sie und ihre Kolleginnen gehen davon aus, dass in den kommenden Wochen vermehrt Schüler mit ganz neuen Problemlagen auf sie zukommen werden, die man bislang noch nicht auf dem Schirm hatte.

Angebote müssen wieder niederschwellig möglich sein
Dadurch, dass Treffen nicht mehr zugelassen waren, standen auch die Streetworker vor der Herausforderung, den Kontakt zu halten. Das Tonstudio, sonst zentrale Anlaufstelle, ist wie vieles andere noch geschlossen. Jugendliche drohen daher durchs Raster zu fallen, weswegen Dimitrios Dimou, Student der sozialen Arbeit, darauf hofft, dass die Treffpunkte bald wieder belebt und Angebote möglich sein können. „Wir haben die Einzelfallhilfe verstärkt. Die fehlenden Freizeitmöglichkeiten haben auch dafür gesorgt, dass der Missbrauch von Drogen zugenommen hat“, so Dimou. Dieser liege zwar weiterhin auf einem sehr niedrigen Niveau, doch für die wenigen Betroffenen können solche Problemlagen weitere soziale Folgen nach sich ziehen, die heute noch gar nicht bemerkt werden können. Wichtig sei es, so sind sich alle Beteiligten einig, jetzt zeitnah zu einer Niederschwelligkeit des Angebots zurückzukehren

Jugendräume können wieder öffnen
Nicht nur sie ist deswegen froh, dass seit letzter Woche die Jugendräumlichkeiten wieder öffnen dürfen und das Leben zurückkehrt. Im Jugendraum Mitte können nun wieder bis zu zwölf Personen in festen Gruppen zusammenkommen. Sobald die Inzidenz unter 100 fällt, erhöht sich die Zahl der Zugelassenen mit Test auf 36, ohne Test dürfen dann wiederum zwölf Gäste kommen. „Wir arbeiten mit festen Zeitslots von einer Stunde, um möglichst vielen auch die Möglichkeit zu bieten, hierher zu kommen“, sagt Katharina Kalteiß.
Kürzlich sei auch eine erste sozialpädagogische Mädchengruppe gestartet, die von Sabrina Hofmann und Maike Engel geleitet wird und die sich über den Zulauf freut: „Wir dachten, es kommen sechs bis acht Teilnehmerinnen zusammen, stattdessen haben sich 14 gemeldet. Als feste Gruppe widmen wir uns dem Thema ‚Lebenskrisen erfolgreich meistern‘, bei dem es sowohl um die Steigerung von Selbstbewusstsein geht, aber auch die Möglichkeit, neue Freunde zu finden.“ Auch im Jugendzentrum will man mit sozialpädagogischen Gruppen nun starten.

Sommerferienprogramm und Stadtranderholung finden statt
Für die kommenden Sommerferien sieht es ebenfalls gut aus. „Wir planen das Ferienprogramm sowie die Stadtranderholung nach den Vorgaben, die bei einer Inzidenz von unter 100 gelten würden“, so Kliemank. Insgesamt 60 Angebote habe man bereits gemeinsam mit Partnern erarbeiten können, zahlreiche weitere werden noch folgen. Zeitlich werden diese so abgestimmt sein, dass im Zweifelsfall problemlos zuvor auch ein Corona-Test gemacht werden könnte. „Viele Vereine brennen darauf, endlich wieder etwas anbieten können. Die Zuversicht für den Sommer ist bei allen Beteiligten groß“, hofft Kliemank auf eine weitere Normalisierung der Lage.

(Erstellt am 02. Juni 2021)