Archivale des Monats Oktober

Neuerwerbung stammt aus der Hand Gustav Schleichers

Kunstwerk von Crailsheim
„Geballte Wolken über Crailsheim“ von Gustav Schleicher Foto: Stadtarchiv

Das Stadtarchiv Crailsheim hat kürzlich drei Werke aus dem Nachlass des Stadtplaners Gustav Schleicher erworben: ein Porträt Gustav Schleichers, eine Ansicht des Dorfes Goldbach und das als Archivale des Monats vorgestellte Bild. Es trägt den Titel: „Geballte Wolken über Crailsheim“. Vermutlich zeigt es einen Blick in die Stadt vom Karlsberg aus – und der Kirchturm, dessen Spitze in den Wolken verschwindet, gehörte zum Vorgängerbau der Bonifatiuskirche.

Dicke Wolken türmen sich hoch über den Gebäuden, intensive und kontrastreiche Farben schaffen eine beeindruckende Szenerie: Der gewaltige Himmel lässt die Gebäude am unteren Rand klein erscheinen, dennoch werden die Dächer mit leuchtendem Orangerot warm beschienen. Ist es eine herbstliche Abendstimmung? Zieht drohend ein Gewitter herauf? Das farbenfrohe Aquarell zeigt ein Naturschauspiel.

Architekt und Maler
Das Kunstwerk ist in der linken unteren Ecke mit den Buchstaben G.S. signiert. Sie verweisen auf den Maler und Architekten Gustav Schleicher. Dieser wurde 1887 in Stuttgart geboren, der Vater Gottlob, ein Kaufmann, sammelte Kunst. Schon als Jugendlicher befreundete sich Gustav Schleicher mit Oskar Schlemmer und Willi Baumeister – den späteren herausragenden Vertretern einer neuen Kunst. Ein Kunstlehrer der Realschule förderte den talentierten Schleicher, doch der Vater riet von einem reinen Kunststudium ab. So studierte Schleicher ab 1906 an der Technischen Hochschule Architektur – unter anderem bei Theodor Fischer, der kurz zuvor die Gaggstatter Jugendstilkirche geplant hatte. Auch während des Studiums malte Schleicher weiter. Wie Willi Baumeister einmal berichtete, zogen die jungen Männer in die Natur, um die „damals beim Gros noch abgelehnte farbige Freilichtmalerei“ zu praktizieren – bewaffnet mit Malzeug und Feldstaffelei fingen sie die damals noch ländliche Idylle am Weissenhof ein. Inspiriert wurden sie von Adolf Hölzel, der seit 1905 Lehrer an der Stuttgarter Akademie war.

Auch wenn Gustav Schleicher im Gegensatz zu seinen berühmten Freunden und Vorbildern nicht freischaffender Künstler, sondern Baurat wurde, war er äußerst produktiv: Bis zu seinem Tod 1973 entstanden etwa 100 Gemälde und rund 1000 Aquarelle. Als Architekt und Maler wurde ihm schon zu Lebzeiten eine „bemerkenswerte Doppelbegabung“ bescheinigt, dennoch ist sein malerisches Werk kaum bekannt.

Mitgestalter des Nachkriegs-Crailsheims
Schleicher spielte für das heutige Aussehen der Stadt Crailsheim eine wesentliche Rolle: Mit dem Architekten Ludwig Schweizer entwickelte er nach der Kriegszerstörung ab Januar 1946 einen Aufbauplan für die Stadt. Bis 31. Juli 1948 leitete er das Stadtplanungsamt. In diesem Zeitraum sind nicht nur zahlreiche Planunterlagen für das neue Crailsheim entstanden, sondern vermutlich auch das Bild des Wolkenhimmels.
Schleicher malte nicht als professionell tätiger Künstler, sondern aus „Freude an der Farbe“, wie er selbst betonte. Er hat dazu auch theoretische Schriften verfasst: „Ein Teil des Farbkreises besteht aus warmen Farben, nämlich alle Töne, bei denen die Farben rot und gelb vorherrschen – ein kleinerer Teil der Farben sind kalte Töne, nämlich die, in denen das Blau überwiegt. Kalt und Warm sind Bezeichnungen für Empfindungen, woraus ersichtlich ist, dass alle Farben nicht nur das Auge treffen, sondern die inneren Gefühlsempfindungen des Menschen.“ Das Kunstwerk „Geballte Wolken über Crailsheim“ scheint geradezu eine Verbildlichung dieser Aussage zu sein.

(Erstellt am 14. Oktober 2021)